Psychische Probleme im Architekturstudium | Erfahrungsbericht einer Leserin

Laut dem Arztreport 2018 der Barmer Krankenkasse ist inzwischen mehr als jede*r sechste Studierende von mindestens einem psychischen Problem betroffen. Andere Studien gehen davon aus, dass über dreiviertel aller Studierenden unter Überlastung und psychischer Erschöpfung leiden. Ursachen hierfür sind u.a. der steigende Leistungsdruck und Perfektionsdruck von außen, finanzielle Sorgen und auch Zukunftsängste. Hinzu kommt bei Studierenden häufig ein Wohnortwechsel und der damit verbundene Verlust des bekannten, sozialen Netzes und die mit dem Studium verbundene, neue Lebenssituation.

Für Architektur-Studierende (und Architekt*innen) kommt ein enormes Maß an Arbeitsbelastung dazu, die unter dem Deckmantel der „Leidenschaft“ stattfindet. Ihr Maß wird an der Leidensfähigkeit über die Zahl der durchgemachten Nächte gemessen. Wer nicht mitzieht, wird strukturell ausgegrenzt.

Lehrende, die Bearbeitungszeiten zu kurz ansetzen und es für legitim halten, Schlafentzug als Arbeitszeit zu betrachten, sind ein Teil des Problems. Ein anderer ist der anhaltende und durchaus auch institutionell geförderte Konkurrenzkampf unter Studierenden.

Bei den betroffenen Studierenden können die Probleme so groß werden, dass sie ihren Studienalltag nicht mehr bewältigt bekommen, ihr Studium abbrechen und/oder in existenzielle Krisen geraten. Durch gesellschaftliche Stigmata werden Studierende mit psychischen Problemen unsichtbar.

Ich freue mich deshalb sehr, dass sich Hannah mir anvertraut hat und ihre persönliche Geschichte im folgenden Gastbeitrag erzählt.

Wir möchten dich einladen, in den Kommentaren von deinen Erfahrungen zu berichten. Bitte beachtet dabei die Kommentarrichtlinien und seid respektvoll zueinander.

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Bei der anonymen Telefonseelsorge findest du kostenlos und rund um die Uhr Ansprechpartner*innen (Telefonnummer: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 2222; telefonseelsorge.de).
Oder sprich mit einer Person, der du vertraust. Zum Beispiel einer guten Freundin oder einem guten Freund, jemanden aus der Hochschule oder deiner Familie. Das ist wichtig, auch wenn es gerade schwierig für dich erscheint. Auch die Studierendenwerke bieten psychologische Beratung an.

Ein Gastbeitrag von Hannah

(Name von der Redaktion geändert.)

Ich möchte mit diesem persönlichen Bericht verdeutlichen, wie sehr psychische Erkrankungen alle Bereiche des Lebens erheblich beeinträchtigen können. Das Selbstbewusstsein bzw. Selbstvertrauen wird meiner Meinung nach besonders in Mitleidenschaft gezogen, was besonders weitreichende Folgen hat. Wie stark solche Erkrankungen verbreitet sind, zeigen die von Anett zitierten Studien, laut denen sehr viele Studierende zumindest zeitweise von psychischen Problemen – wie Ängsten (z.B. Prüfungsängsten), Depression und Erschöpfung – betroffen sind.

In der heutigen Zeit ist die Haltung gegenüber psychischen Problemen offener als früher. Trotzdem schämen sich noch viele Menschen für ihre psychischen Erkrankungen, was den Austausch und eine gegenseitige Unterstützung zwischen Betroffenen erschweren kann. Das Problem liegt meiner Meinung nach in gesellschaftlichen Strukturen begründet, an deren Veränderungen ich gerne teilhaben möchte. Mir ist es wichtig, ein ehrliches, menschlicheres und gesünderes Miteinander zu fördern.

Psychische Probleme im Architekturstudium | Architektur-studieren.info

Hierfür möchte ich euch meine eigene Geschichte erzählen:

Meine Panikattacken begannen nicht erst im Studium. Schon die Auswahl meiner zukünftigen Studienrichtung bereitete mir Magenschmerzen und Angstzustände. Auf Grund der scheinbar unzähligen Wahlmöglichkeiten und den Erwartungen meiner Familie, fühlte ich mich sehr unter Druck gesetzt, eine „richtige“ Entscheidung treffen zu müssen.

Als ich mich für das Architekturstudium entschied, war ich zunächst voller Vorfreude. Ich merkte aber schnell, dass es ein sehr leistungsorientiertes Studienfach ist.

In den ersten Semestern empfand ich den Konkurrenzkampf unter Studierenden stark ausgeprägt. Ich war überwältigt von den Anforderungen, der Fülle an Aufgaben und der Geschwindigkeit, in der wir diese bearbeiten sollten. Vor den Abgaben am Ende des Semesters saßen wir nächtelang in den Studios an Modellen und Zeichnungen. Während des Semesters blieb ebenfalls kaum Zeit für regelmäßigen Ausgleich, wie der Pflege eines Hobbys, Sport oder einem Treffen mit Freunden. Das hohe Arbeitspensum und der zusätzliche Termindruck bereiteten mir heftige Panikattacken, Schlafstörungen und diffuse Existenzängste. Ich fühlte mich ungenügend, zu wenig leistungsfähig und schämte mich dafür, nicht mithalten zu können. Ich zog mich immer weiter zurück und vertraute mich aus Angst vor Ablehnung und Stigmatisierung niemandem an.

Ein Teufelskreis begann, denn wer immer weniger soziale Kontakte pflegt, der verwehrt sich einer wichtigen „Medizin“ gegen genau diese Ängste und Depressionen. Im dritten Semester klopfte zu guter Letzt noch das BAföG-Amt an. Um weiterhin BAföG zu erhalten, sollte ich nachweisen, dass ich alle im Semesterplan vorgesehenen Creditpoints erreicht habe, was meiner Meinung nach ein schier unmögliches Unterfangen ist, selbst für Menschen ohne Beeinträchtigungen. Ich persönlich kenne keine Person, die das geschafft hat.

In dieser Zeit habe ich mich oft gefragt, ob ich verkehrt bin oder das System, in dem ich lebe. Ich kam immer häufiger zu dem Ergebnis, dass mit mir etwas nicht stimmen musste, denn alle anderen schienen gut zu „funktionieren“. Dieses Gefühl, anscheinend nicht das leisten zu können, was von mir erwartet wurde, löste starke Selbstzweifel in mir aus. Dadurch fühlte ich mich isoliert und abgekapselt. Sehr oft fragte ich mich, ob ich die Einzige bin, die unter diesen Strukturen leidet. Ich wusste nicht, wem ich mich anvertrauen sollte. Mir kam es vor, als ob kaum jemand über diese Art von Problemen offen spricht.

Meine Situation verschlechterte sich dermaßen stark, dass ich kaum noch das Haus verließ. Am schlimmsten war die dauerhafte Anspannung, die sich in meinem Körper ausgebreitet hatte und die mich kaum schlafen ließ. Ich bekam weder meinen Alltag, geschweige denn mein Studium geregelt. Die Teilnahme an Vorlesungen oder das Einkaufen von Lebensmitteln erschienen mit in dieser Zeit als unüberwindbare Herausforderungen. Zeitweise gingen mir Gedanken durch den Kopf, dass ich lieber sterben würde, als mit dieser permanenten Anspannung jeden Tag zu leben. Große Scham, Angst und Minderwertigkeitsgefühle höhlten mich immer mehr aus. In diesem Zustand war ich endlich bereit, mir Hilfe zu holen.

Ich beschloss, wirklich ehrlich mit guten Freunden und meiner Familie zu reden und zeigte mich mit meinen vermeintlichen Schwächen.

Ich konnte die Verzweiflung nicht mehr zurückzuhalten und meine Schamgefühle hatten keine Macht mehr über mich. Lange hatten mich diese Gefühle angetrieben, die Fassade aufrecht zu erhalten.

Endlich sprach ich nun aus, was ich so lange zu verbergen versucht hatte: Wie schlimm es in mir wirklich aussah und wie verzweifelt und allein ich mich mit meiner Situation fühlte.  Gleichzeitig wollte ich niemanden belasten und hatte große Angst, andere damit zu überfordern.

Anschließend begann ich, nach geeigneter therapeutischer Hilfe zu suchen. Doch die Mühlen der Krankenkassen mahlten zu langsam für meinen prekären Gesundheitszustand. Ich brauchte Hilfe, sofort.

Zum ersten Mal überlegte ich, in eine psychotherapeutische Klinik zu gehen und stieß zufällig auf eine therapeutische Einrichtung mit einem ganzheitlichen Ansatz. Ein geeigneter Ort, um zur Ruhe zu kommen, direkt an einem Wald und einem wunderschönen See. Trotzdem hatte ich große Angst vor den Konsequenzen eines Klinikaufenthalts: Angst vor der Stigmatisierung, Angst nicht mehr in der Welt der „Normalen“ zurecht zu kommen und vor Ausgrenzung.

Nichts von alledem traf ein.

Rückblickend war es ein sehr guter Zeitpunkt, etwas grundlegend zu verändern. Es geht mir heute – ein Jahr später – sehr viel besser. Ich weiß jetzt ein bisschen besser, wer ich bin und woher die Gefühle der Scham und Minderwertigkeit ihren Nährboden fanden.

Nach dem vierwöchigen Klinikaufenthalt entschied ich mich für eine Auszeit ein Krankheitssemester zu nehmen. Meine Priorität war es, wieder gesund zu werden und einen Weg zu finden, wie ich das Studium fortsetzen könnte, ohne wieder in eine Abwärtsspirale zu geraten. Der Semesterplan ist nun eher eine Orientierung für mich und nicht mehr eine ultimative Vorgabe, die es so schnell wie möglich abzuarbeiten gilt. Ich werde länger studieren, als es die Regelstudienzeit vorgibt, und plane schon voller Vorfreude das nächste Urlaubssemester, in dem ich reisen und ein Praktikum machen werde.  

Es gibt aber auch Menschen, die diese Situation jahrelang aushalten, sich aus Angst zurückziehen und somit „unsichtbar“ werden. Menschen, deren Schamgefühle sie durch den gesellschaftlichen Druck fest im Griff haben. 

Ich glaube aber auch, dass jede einzelne Person etwas zur psychischen Gesundheit der Gesellschaft beitragen kann. Deshalb möchte ich darauf aufmerksam machen und zu Mut anregen, um sich auszutauschen, offen füreinander da zu sein und sich ein Netzwerk an Vertrauenspersonen aufzubauen. Ich wünsche mir, dass wir die Wand der Distanziertheit durchbrechen und wieder auf Mitstudierenden und uns selbst achten. Nachzufragen, zuzuhören und sich zu solidarisieren, kann in Krisenzeiten ungemein unterstützend sein. Ich weiß, dass das keine einfache Angelegenheit ist und Überwindung erfordern kann.

Denn die „Coolness“, die ich bei vielen anderen Menschen beobachte, scheint eher der Konsens zu sein. Dadurch wird der ehrliche und authentische Austausch – der so wichtig ist – leider häufig beeinträchtigt. Lasst uns doch das abgeklärte Schauspiel ablegen und entspannt das Leben in vollen Zügen genießen.

Wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

Wie erlebst du den Leistungsdruck im Architekturstudium? Hast du ähnliche Erfahrungen wie Hannah?

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Über die Autorin: Hannah ist Architekturstudentin, mittlerweile im 5. Semester. Sie ist begeistert von den Inhalten und den vielfältigen Möglichkeiten, die ein Architekturstudium bietet. Manche Rahmenbedingungen und der eng getaktete Semesterablaufplan bringen sie und andere Studierende an ihre Grenzen. Deshalb probiert sie neue Perspektiven in der Gestaltung ihres Studiums und ihres Karrierewegs aus.

Beitragsbild: Alex, unsplash.com

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