Architektur studieren mit Kind [Gastbeitrag]

Ein Gastbeitrag von Gina Doormann.

Sie sind eine Minderheit, aber sie sind da: Studierende, die Kinder haben. Laut der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks haben fünf Prozent der Studierenden in Deutschland ein oder mehrere Kinder. Von ihnen sind sogar 18 Prozent alleinerziehend.
Wenn auch du zu den Studierenden mit Kind gehörst, musst du dich darauf einstellen, ein Organisationstalent zu werden – wenn du es nicht längst bist.

Die Zusage für den Architekturstudienplatz an der Wunsch-Uni flattert ins Haus – eigentlich ein Grund zur Freude! Doch bereits kurz darauf beginnen die aufkommenden Gedanken und Fragen, die gute Stimmung zu trüben. Denn du bist nicht einfach ein junger Mensch wie jeder andere: Du hast ein kleines Kind.

Du wirst nicht ohne Weiteres auf Studentenparties feiern können und auch die Treffen mit der Projektgruppe sind Teil deines eng getakteten Zeitplans. Während deine Kommilitonen nach der letzten Vorlesung in der Uni bleiben und an ihrem Modell arbeiten, musst du dich verabschieden: Dein Kind wartet auf dich.

Während du eigentlich gerade lernst, wie man Perspektiven oder Ansichten von Hand zeichnet, lauscht mindestens ein Ohr angespannt auf ein mögliches Vibrieren deines Handys. Es ist jederzeit möglich, dass ein Anruf der Betreuungsperson kommt, der dich zwingt, sofort loszufahren und dein krankes Kind abzuholen. Solch ein überstürzter Aufbruch bedeutet für Architekturstudenten, neben einem Laptop einen A-3-Zeichenblock, Skizzenbuch- und Papier, verschiedene Lineale und natürlich persönliche Dinge wie Handtasche oder Ähnliches schnellstmöglich zusammenzuraffen. Dass du in einer solchen Situation nichts von deinem teuren Arbeitsmaterial vergisst, ist eine wahre Kunst.

Modellbau mit Kind – Zuhause wird es nicht leichter

Wenn du in der Vorlesung sitzt und dein Kind betreut wird, wirst du dich am einfachsten wie ein „ganz normaler“ Studierender fühlen können. Doch nachmittags oder abends, wenn sich deine Kommilitonen ungestört ihrem Projekt oder der Klausurvorbereitung widmen, bist du in erster Linie Mutter oder Vater. Deine Kommilitonen haben gerade den zündenden Einfall für ihren Entwurf und du liest in augenscheinlicher Seelenruhe zum dritten Mal in Folge „Petterson und Findus“ vor.

Wenn dein Kind – irgendwann – schläft und du es ihm am liebsten gleich tun würdest, beginnst du mit der Arbeit für dein Studium. Vielleicht geht es dir aber auch wie jenen Eltern, die ihren Wecker auf 5 oder gar 4 Uhr stellen müssen, um das straffe Pensum eines Architekturstudiums zu bewältigen.

Insidertipps: Studieren mit Kind für Fortgeschrittene

Trotz aller kleinen Hindernisse, die sich studierenden Mamas und Papas jeden Tag stellen, ist die Zeit, in der die Betreuungsstätte geschlossen ist, die größte Herausforderung. Denn dann kommt nicht nur die Standardausrüstung eines Architekturstudenten mit in die Uni, sondern auch das Kind. Wo hilfsbereite Großeltern fehlen, werden studierende Eltern zu wahren Organisationstalenten. Bei ihnen sitzt das Kind in der Vorlesung auf dem Schoß oder läuft – bei toleranten Dozenten und Kommilitonen! – im Hörsaal herum. Mein Tipp: Such dir einen Platz möglichst nah an der Tür, so kannst du bei plötzlichen Stimmungsschwankungen deines Sprösslings schnell das Weite suchen.

In der Mensa trennt sich die Uni-Spreu vom Weizen: Einige, z. B. die HCU Hamburg, bieten ein kostenloses Mittagessen für Kinder von Studierenden an. Wenn es so ein Angebot gibt: Nutze es! Jeder Euro, der die Familienkasse nicht belastet, ist eine große Hilfe. Du kannst auch günstige Gerichte fürs Abendessen mit nach Hause nehmen. Neben der Kostenersparnis hat das auch den Vorteil, dass du nicht zu kochen brauchst – denn Zeit ist für dich als studierendes Elternteil die wichtigste Ressource!

Zum Leben zu wenig?

Selbst die Kasse eines durchschnittlichen Studierenden ist knapp – aber als Mutter oder Vater ist dein Budget sicher noch übersichtlicher. Ein (Neben-)Job ist dir eigentlich nur möglich, wenn ihr als Eltern zusammenlebt. Andernfalls musst du – wenn du keine Unterstützung aus dem Freundes- oder Familienkreis erhältst – das verdiente Geld direkt wieder für die Betreuung ausgeben.

Um auch jungen Eltern ein Studium zu ermöglichen, gibt es deshalb verschiedene staatliche Unterstützungsmöglichkeiten:

  • Kindergeld: Jedem ersten und zweiten Kind stehen von Geburt an monatlich 190 € zu. Weitere Geschwister bekommen mehr.
  • Wenn studierende Eltern BAföG beziehen, können sie einen sogenannten Kinderbetreuungszuschlag beantragen. Für das erste Kind unter 10 Jahren erhält – allerdings nur ein Elternteil – monatlich 113 € und für jedes weitere Kind 85 € zusätzlich. Außerdem kann die Förderungshöchstdauer – je nach Alter des Kindes – um maximal sieben Semester verlängert werden.
  • Elterngeld: Diese staatliche Unterstützung ersetzt das wegfallende Einkommen teilweise. Hat der studierende Elternteil vor der Geburt des Kindes gearbeitet, so erhält er über zwölf Monate hinweg 67 Prozent dieses Einkommens. Wer zuvor kein eigenes Geld verdient hat, erhält mindestens 300 Euro im Monat.
  • Alleinerziehende, die von dem anderen Elternteil keine oder nur unregelmäßige Zahlungen erhalten, können bei der zuständigen Unterhaltsvorschuss-Stelle einen sogenannten Unterhaltsvorschuss beantragen. Für Kinder bis zu fünf Jahren beträgt er 145 Euro, im Alter von sechs bis elf Jahren 194 Euro.
  • Organisatorische Unterstützung: Neben finanzieller Unterstützung ist die Betreuungsfrage elementar für studierende Eltern. Einige Unis bieten eigene Krippen, Kitas oder Hortbetreuung an. Ein Beispiel hierfür ist die Krippe „Leibniz-Kids“ der Uni Hannover.

Weitere Unterstützungsmöglichkeiten finden studierende Mamas und Papas auf der Website des Verbands deutscher Studentenwerke.

Wenn auch die beste Organisation nichts nützt

Du hast dich für das anspruchsvolle Architekturstudium in Vollzeit eingeschrieben, doch irgendwann häufen sich die Abgabetermine, die du nicht einhalten kannst, die unfertigen Modelle, die Exkursionen, an denen du wegen deines Kindes nicht teilnehmen kannst… was ist zu tun?

Ein erster Tipp ist: Wenn es dir so geht, dann gesteh dir zu, dass dein Studium eben etwas länger dauert. Nach deinem Abschluss interessiert das niemanden. Wirklich!

Alternativ kannst du dich an deine Studierendenverwaltung wenden und dich nach der Möglichkeit eines Teilzeitstudiums erkundigen. Du kannst als Teilzeitstudent deine abzuleistenden Credit Points pro Semester um die Hälfte reduzieren. Allerdings musst du dir darüber bewusst sein, dass dein Studium dann doppelt so lange dauert.

Eine dritte Möglichkeit ist das Beantragen von einem oder mehreren Urlaubssemestern. Für Eltern steht diese Variante in jedem Fall offen. Dann wäre dein Kind nach dieser Zeit wieder ein Stück älter, was das Leben einfacher macht. Zudem bliebe dir dein Studienplatz erhalten. Erkundige dich hierzu am besten ebenfalls bei deiner Studierendenverwaltung. Solltest du BAföG erhalten, frage unbedingt bei deiner zuständigen Stelle oder dem Studierendenwerk nach – nicht, dass dir die Zuschüsse wegen Überschreitung der Studienhöchstdauer gestrichen werden!

Solltest du bei den aufgezeigten Optionen das Gefühl haben, von deiner Uni nicht ausreichend unterstützt oder sogar behindert zu werden, wende dich an die Studierendenverwaltung oder die Gleichstellungsbeauftragte. Mit diesen Ämtern hast du Unterstützung an deiner Seite, deren Worte Gewicht haben!

Die positive Seite

Wir Eltern sind uns definitiv darüber einig, dass ein Studium – und insbesondere ein Architekturstudium – mit Kind ein echter Kraftakt ist. Sei stolz auf das, was du geleistet hast und dass du dir und deinem Kind eine sichere Zukunft bieten kannst – in einer Architektenfamilie ;)
Und du hast noch etwas, das kein finanzieller Engpass der Welt dir wieder nehmen kann: Bildung. Einfach unbezahlbar.

Hier findest du weitere Informationen und Institutionen, die dich unterstützen:

Bist du Architekturstudent/Architekturstudentin mit Kind? Wir würden gerne auch etwas über deine Erfahrungen lesen! Vielleicht hast du Tipps, die du anderen Studierenden mit Kind weitergeben möchtest? Auch wenn du Mutter/Vater bist und noch ganz am Anfang deines Architekturstudiums stehst, freuen wir uns auf den Austausch mit dir in den Kommentaren!

Über die Autorin: Gina Doormann ist freie Journalistin und Texterin in den Themenbereichen Architektur und Bauwesen. Ihr Journalismus-Studium hat sie zwar noch ganz bequem ohne Kind absolvieren können – zu Beginn ihres Architekturstudiums hingegen sah es ganz anders aus: Da war ihr Sohn bereits drei Jahre alt.

Anzeigen von 2 Kommentaren
  • Yuliya
    Antworten

    Vielen Dank für diesen Artikel. LG

    • Anett
      Antworten

      Gern! Ich leite das Kompliment gerne an Gina weiter. :) Liebe Grüße, Anett

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