Und was machst du so, Kathrin?

Kathrin Knieps-Vogelgesang arbeitet als selbstständige Interior Designerin und Bloggerin sowie als Angestellte in einem Architekturbüro. Ich habe sie zu ihrem Architekturstudium, bei dem ihr andere viele Steine in den Weg legten, sowie zu ihrem Berufsalltag befragt.

Wenn du mehr über Kathrin und ihren Beruf erfahren möchtest, empfehle ich dir ihren Instagram-Account, auf dem sie uns regelmäßig Updates gibt. Hast du mehr Fragen an sie? Schrieb sie uns doch hier in die Kommentare.

Und was machst du so, Kathrin? #wasmitarchitektur | © Anett Ring, Architektur-studieren.info

1. Hallo Kathrin! Beschreibst du uns kurz, was du beruflich machst, wo und in welchem Bereich du arbeitest?

Ich arbeite zum Teil selbstständig als Interior Designerin und Bloggerin für mein kleines Label Innenleben design. Der andere Teil besteht aus einer Festanstellung als Dipl.-Ing. (FH) für MERTEN Architekten. Ich mache die Arbeit einer Architektin, darf mich allerdings nicht so nennen, da ich noch nicht in der Architektenkammer bin. Aktuell bin ich aber gerade mitten im Zulassungsverfahren für die Architektenkammer Rheinland-Pfalz.

2. Wann und wie beginnt dein Arbeitstag?

Mein Arbeitstag beginnt meist morgens um acht Uhr, wenn ich meinen Sohn zur Schule gebracht habe. Dann fahre ich weiter zum Coworking-Space, wo mein Chef einen Schreibtisch für mich gemietet hat. Das Architekturbüro ist eigentlich in Luxemburg, aber in Trier haben wir immer mehr Projekte – viele soziale Projekte z.B. für die Lebenshilfe Trier e.V. Ich bin die erste Mitarbeiterin in der „Außenstelle“ Trier.

Für Innenleben design arbeite ich am Nachmittag, abends oder am Wochenende.

3. Was sind typische Aufgaben in deinem Berufsalltag? Womit verbringst du die meiste Zeit?

Ich bin viel am Telefon und schreibe Mails. Oft bin ich auch in den einzelnen Gebäuden unterwegs, um mich mit den Handwerkern zu treffen, die einzelnen Gewerke zu koordinieren oder Aufmaße zu machen. Diese dienen dann als Angebotsgrundlage. Als Ausführungsgrundlage für die Handwerker erstelle ich Zeichnungen oder Skizzen. Weiterhin prüfe ich Angebote und Rechnungen, gebe diese dann frei, leite sie zur Zahlung weiter und vieles mehr. Mein Chef vertraut mir voll und ganz, das ist eine tolle Arbeitsatmosphäre.
Manchmal sind auch ein paar kreative Dinge zu tun, wie aktuell: Ich erstelle für eine luxemburgische Bank ein Interior Konzept – das macht super viel Spaß.

Bei der selbstständigen Arbeit geht’s da schon kreativer zu. Entwerfen, Möbel raussuchen, Farben auswählen. Collagen in InDesign erstellen. Fotografieren, Fotos bearbeiten, bloggen. Das ist mein Ausgleich zur organisatorischen Arbeit.

4. Welche Aufgaben erledigst du am liebsten? Warum?

Ich liebe alles was ich tue, die Mischung macht es einfach und bei einem netten Chef und tollen Kolleginnen macht es umso mehr Spaß.

5. Welche Aufgaben erledigst du nicht so gern? Warum? Und wie motivierst du dich dazu, sie zu erledigen?

Rechnungen schreiben, alles was mit der Steuer zu tun hat, Aufmaße, längere Telefonate … aber im Moment macht mir – wie gesagt – eigentlich alles Spaß. Wenn ich mich motivieren muss, mache ich zwischendurch Instastories, erzähle ein paar Dinge aus meinem Berufsalltag und verteile an die anderen und mich selbst #positivevibes. Und ich höre Musik via Spotify oder motivierende Podcasts.

6. Was stresst dich?

Ungeduldige, rücksichtslose und ichbezogene Menschen, die nur um sich selbst kreisen.

7. Wann beendest du normalerweise deinen Arbeitstag?

Meist gegen 17 Uhr, so lange habe ich „Rufbereitschaft“ am Diensthandy. Allerdings arbeite ich auch manchmal abends noch was ab.

8. Aus welchen Gründen hast du Architektur studiert?

1993 (mit 14 Jahren) habe ich ein Berufspraktikum in einem Architekturbüro gemacht und ab da war für mich klar, dass ich Architektin werden möchte. Architektur und Design üben seit dieser Zeit einen ganz besonderen Reiz auf mich aus.

9. Beschreibe uns kurz deinen beruflichen Werdegang bis heute. 

Oh je das wird schwierig. Wie lange habt Ihr Zeit? ;) Also: In der Realschule habe ich ein Berufspraktikum als Bauzeichnerin beim Architekten gemacht. Eine meiner Tanten ist Bauzeichnerin und ich dachte, das könnte was sein für mich. Irgendwie war mir zur Zeit des Praktikums irgendwie schon klar, dass ich Architektin werden möchte. Auch wenn ich für mein Leben gerne zeichne, brauche ich doch auch die planerische Arbeit und das ganze organisatorische Drumherum. Und natürlich das Entwerfen, als Bauzeichner setzt man ja meist nur die Ideen des Architekten um.

Nach der mittleren Reife habe ich dann eine Ausbildung zur Bauzeichnerin im Bereich Hochbau begonnen. Danach habe ich meinem Chef dann verkündet, dass ich Abitur machen möchte, um anschließend Architektur zu studieren. Seine Antwort darauf war nur: „Das Abi schaffen Sie bestimmt nicht und das Architekturstudium sowieso nicht!“ – Whaaat?

Ich schaffte das Abi und danach bewarb ich mich an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes im Fachbereich Architektur und wurde auch prompt genommen. Nach den ersten beiden Semestern nahm das Verhängnis seinen Lauf: Einer der Profs machte mich regelmäßig in den Korrekturen so fertig, dass ich völlig niedergeschlagen war. Er erzählte mir, dass ich völlig ungeeignet sei für das Studium der Architektur und sowas von unkreativ!

Nach einer weiteren Korrektur, aus der ich heulend raus bin, habe ich entschieden, mit dem Studium aufzuhören. Ich bewarb mich als Bauzeichnerin. Das hielt leider nicht lange und ich wurde gekündigt, da mein damaliger Chef keine Arbeit mehr für mich hatte. Gerade ausgezogen musste ich irgendwie Geld verdienen, denn wieder nach Hause zurück zu ziehen kam für mich nicht in Frage.

Ich fing also in einer Zeitarbeitsfirma an und schmirgelte im Blaumann Stoßstangen. Nicht etwa als Studentenjob, sondern so richtig „in echt“, um meine Miete bezahlen zu können. Am Wochenende jobbte ich zusätzlich noch in einer Diskothek hinterm Tresen.

Durch eine glückliche Fügung habe ich den Mut gefasst das Studium der Architektur wieder aufzunehmen. Ich wollte aber irgendwo ganz neu anfangen, weiter weg von zu Hause. Ich wollte all das Vergangene hinter mir lassen. Deshalb habe ich mich entschieden, an die FH Trier zu gehen. Im Rückblick war es das Beste, was mir passieren konnte. Aber zunächst wurden mir auch hier einige Steine in den Weg gelegt.

An der FH angekommen, war dort – man glaubt es kaum – schon wieder jemand, der mir erzählen wollte, ich sei für das Studium der Architektur nicht geeignet. Professor K. machte mich – wie in Saarbrücken schon Professor L. – in jeder Korrektur runter und ließ meine Ideen wie unbaubare Hirngespinste aussehen. Erstentwurf: 5,0 – setzen! Na super, und jetzt aufgeben? Ganz klar: Nein!

Ich habe durchgehalten, mich weitergekämpft und das Vordiplom geschafft. Danach wurde es viel besser, Professorin H. und Professorin B. kamen und haben mich verstanden. Meine Art zu entwerfen, meine Gedanken auszudrücken. Und ich wurde endlich in dem Maß gefördert, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Konstruktiver Entwurf: 1,0 – Glückwunsch mit Bravour geschafft, sogar mit einer Präsentation auf Englisch. Vertiefter Entwurf: 1,3 – Yay, geht doch!

Vor dem Diplom wollte ich unbedingt noch „Büroluft“ schnuppern. Ich bewarb mich für ein Praktikum in Luxemburg. Ich bekam eine Stelle und die war aufgrund meines Alters auch noch gut bezahlt: In Luxemburg gab es auch damals schon ein Mindestgehalt. Ich war mittlerweile schon 27 und verdiente richtig gut. Leider waren die Vorraussetzungen im Büro nicht die besten. Eine karrieregeile Mutter als Chefin, der ich dann auch noch erzählen musste, dass ich schwanger bin. Mitten im Praktikum, kurz vorm Diplom ein Kind? OMG!

Eine meiner Kolleginnen dort im Büro ließ sofort folgenden Satz los: „Also damals bei uns im Studium wurde auch eine schwanger und die hat bis heute noch kein Diplom!“ Zack, baff, da hatte ich mein Päckchen, das ich die nächste Jahre schwer auf meinen Schulter trug. Ich wollte auf jeden Fall Diplom machen und das habe ich auch geschafft. Mit Hilfe meines Mannes und meiner Familie, die auf das Baby aufgepasst haben, während ich am Zeichnen war. Und schließlich habe ich 2008 mein Diplom mit 1,3 – Bestanden! Party!!!

Jetzt wollte ich mich sofort nach Luxemburg auf den Arbeitsmarkt stürzen. So wie alle das machten. Der klitzekleine Unterschied war nur, dass alle anderen kein Baby hatten. Nachdem ich dann in zwei Büros gearbeitet hatte, in denen ich einfach nicht glücklich wurde, habe ich mich umorientiert. Was anderes gemacht: Ich habe grafische Arbeiten (Logos, Visitenkarten, Briefpapier…) gestaltet, als „Freie“ für die hiesige Tageszeitung geschrieben und dann fast drei Jahre die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für einen sozialen Verein geleitet. Was soll ich sagen, diese Arbeiten haben mich nicht erfüllt. Dazu kamen die Schicksale der Klienten, die größtenteils schwer und unheilbar krank waren und eine Chefin, die mich terrorisiert hat. Ende 2013 hatte ich schließlich einen Burn-out und eine dicke fette Depression.

Ich habe in mich reingehört und wollte herausfinden was ich wirklich machen möchte. Schon länger hat in den Tiefen meines Unterbewussts der Wunsch geschlummert, einen Master in Innenarchitektur zu absolvieren. Ich informierte mich über das Zulassungsverfahren und begann meine Bewerbung vorzubereiten. Insgesamt gab es nur 4 Plätze hier an der Hochschule und bei der ersten Bewerbung hat es leider nicht für mich gereicht. Aufgeben? Nee! Ich habe eine zweite Bewerbung rausgehauen und es hat geklappt. Im Januar 2016 hatte ich meinen Master in der Tasche. Mein „Baby“ war mittlerweile in der 3. Klasse. Und nun?

Während des Studiums hatte ich schon angefangen freiberuflich als Interior Designerin und Bloggerin zu arbeiten. Das wollte ich erst einmal beibehalten, bis sich alles andere schon ergibt.

Die Zeit meiner Selbstständigkeit hat mir so so viel gebracht für meine ganze Entwicklung. Ich bin so viel selbstbewusster und sicherer geworden und Ende letzen Jahres bekam ich das Beste was mir beruflich passieren konnte: Einen verständnisvollen Chef, der mir vertraut, der es akzeptiert, wenn ich zu meinem Kind muss oder mich um mein Kind kümmern muss. Der mich selbstständig und frei arbeiten lässt. Seit November arbeite ich festangestellt für ein luxemburgisches Architekturbüro, mit fabelhaften Kolleginnen. Ich fühle mich so wohl, darf entwerfen, organisieren und Rechnungen schreiben, alles ganz so wie in der Selbstständigkeit. Es ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Das Bloggen und das freiberufliche Interior Design werde ich mir auf jede Fall erhalten, denn die Abwechslung brauche ich. Nach den Sommerferien werde ich von 50 auf 75 Prozent aufstocken und ich freue mich so sehr! Diese Arbeit gibt mir so viel Auftrieb und Energie und nun weiß ich endlich, warum ich durch so viele Täler gehen musste! Ich liebe meinen Beruf!

10. Was rätst du Studierenden, wenn sie deinen Karriereweg einschlagen möchten?

Lasst Euch bloß von keinem was erzählen. Schon gar nicht, daß Ihr unkreativ oder ungeeignet seid. Macht Euer Ding und geht Euren Weg. Ändert nie Euer Ziel, höchstens die Strategie, um dort hin zu gelangen.

Vielen Dank, Kathrin, dass du dir die Zeit genommen hast!

Hast du weitere Fragen an Kathrin? Schrieb sie unten in die Kommentare!

Ich freue mich auf dein Feedback!

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